:GEMEINSCHAFT
GEMEINSCHAFT : GEBETSZEITEN UND CHORAL
Spiritualität des Chorgebets

"Dem Gebet soll nichts vorgezogen werden.", schreibt Benedikt in seiner Regel. Auch der große Heilige des Zisterzienserordens, Bernhard von Clairvaux, weiß um den Wert des Gebetes, wenn er seinen Mönchen einmal sagt: "Achte dein Beten nicht gering, denn der, zu dem du betest, achtet es auch nicht gering."

Das Gebet ist Ausdruck der Begegnung von Mensch und Gott. Bernhard war ein Mensch, der sich ein Leben lang um diese Gottesbegegnung gemüht hat, und der den Ort dieser Begegnung im Menschen selbst fand. So konnte er seinen Mönchen sagen: "Du musst nicht über die Meere reisen; du musst keine Wolken durchstoßen; du musst nicht die Alpen überqueren. Der Weg zu Gott, der dir gezeigt wird, ist nicht weit: Du musst diesem Gott nur bis zu dir selbst entgegengehen." Der Gott der Sehnsucht ist bereits im Herzen der Menschen anwesend, Vorbedingung der Gottesbegegnung ist die Bereitschaft, tatsächlich in sich selbst hineinzuhören. Dann erst kann dieser Sehnsucht im singenden Beten Stimme verliehen werden. Zugleich muss sie aber auch heraussprudeln, wie Bernhard sagt: "Siehe, der, nach dem die Völker sich sehnen, steht vor der Tür und klopft an. Wenn er vorbeiginge, weil du zögerst, müsstest du mit Schmerzen von neuem suchen, ihn, den meine Seele liebt. Steh auf, laufe, öffne! Mach dich im Glauben auf, eile in Liebe und öffne ihm durch dein Wort!"

Heute wird immer öfter nach dem Nutzwert bestimmter Dinge gefragt, und davon ist auch das Chorgebet nicht ausgenommen. Was kann es mir denn bringen, dazu in dieser sich ewig wiederholenden Form? Genau diese Haltung ist ein unserem Zeitgeist entsprechendes Missverständnis. Eine Gebetszeit, die nach einem festen Schema abläuft, zwingt sanft dazu, zunächst nicht bei den eigenen Gedanken, Gefühlen und Vorstellungen stehen zu bleiben. Vielmehr muss man weitergehen, man wird im Gebet immer weiter auf Gott zu getrieben und man kann auch gewiss sein, dass man sich im Fluss des Betens und im Fluss der Beter treiben lassen kann; man ist dem letzten Ziel des Betens - Gott - überantwortet. Wenn man in dieser "Schule des Herrn", wie Benedikt den monastischen Lebensversuch in seiner Regel nennt, Fortschritte macht, eignet man sich etwas sehr Wichtiges an: einen Raum, in dem das Gespräch zwischen Gott und Mensch Platz hat. Und wenn jeder Kirchenraum dafür einen äußeren Rahmen darstellt, dann atmet jeder wirklich "durchbetete" Raum viele einzelne solcher Orte der Liebesgeschichte Gottes mit uns Menschen. Gerade im gesungenen Gebet beginnt ein Kirchenraum sich mit Leben zu füllen durch sehr individuelle und persönliche Begegnungen.

Die gesungenen Worte des Chorgebets sprechen immer vom gleichen Thema: der Liebesgeschichte Gottes mit uns Menschen. Wenn Menschen "Gottesdienst" feiern, dann ist es nicht ihr Dienst an Gott, sondern vielmehr der Dienst Gottes an den Menschen, den er in der Schöpfung begonnen hat. Die Psalmen, Hymnen und Lieder erinnern an die Liebeserweise Gottes, die begonnen haben durch sein Wort. "Denn ohne das Wort ist nichts geworden."(Joh 1) So sind auch die Worte der Gesänge zunächst Worte Gottes. Wenn Menschen diese Worte singen, dann ist das keine künstliche Ästhetisierung und auch keine rein intellektuelle, emotional schonende, distanzierte Beschäftigung mit einem frommen Sinngehalt, sondern es ist vielmehr der Kraft einfordernde Versuch, dieses Wort Gottes im Menschen zum Klingen zu bringen.

So ist auch der Gregorianische Choral nicht in erster Linie Gesang, sondern Vortrag heiliger Texte auf einer möglichst hohen Stufe des Erklingens. Gregorianischer Choral ist nicht "musica", sondern "cantus", Erklingen von Gottes Wirklichkeit. Das Wort Gottes hat Wirklichkeit geschaffen, und wir glauben, dass es auch heute noch Wirklichkeit schafft; deshalb beten und singen wir sie heute noch. Nicht zuletzt deshalb sind aber die Worte der Psalmen nicht ausschließlich Gottes Worte, in ihnen spiegeln sich auch Gefühle und Emotionen von Menschen wider, die mit diesen Texten lebten - und heute leben. Da werden Freude, Ärger, Trauer, Hoffnung, Verzweiflung, Hass, Liebe, Enttäuschung, Resignation und Sehnsucht ins Wort gebracht. Psalmen sind Gedichte, und Gedichte lassen einem die Freiheit, seine persönlichen Erfahrungen in ihren Worten zum Ausdruck zu bringen. Im Beten und Singen der Psalmen können auch Menschen heute ihre Gefühle artikulieren, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, sie vor Gott zur Sprache zu bringen. Und dennoch: die Psalmen bleiben auch Worte, die Gott dem Menschen schenkt, in denen er selbst - im Beten - den Tag des Menschen kommentiert. Es entsteht ein Gespräch zwischen Gott und Mensch. Man spricht am tiefsten miteinander, wenn die Worte tatsächlich "aus dem Herzen" kommen; und so lernt man immer mehr Psalmen so, dass sie "ex corde" (lat. "aus dem Herzen", aber auch "auswendig") gesungen werden. Das, was dem Menschen inwendig ist, wendet er nun im Gespräch nach außen.

Das Chorgebet hat gewisse Grundelemente mit anderen gottesdienstlichen Formen gemeinsam: die Lesung, die Oration, das hymnische Lied. Seine besondere Prägung empfängt es jedoch durch den Psalmengesang. Er gibt dem Chorgebet einen schlichten Charakter, er macht deutlich, dass es hier nicht um einen darstellenden oder interpretierenden Vortrag der Psalmen geht, sondern dass man sich darauf beschränkt, die Texte lediglich singend "aufzusagen". Die Psalmen werden wechselchörig gesungen. Eine Chorhälfte singt der anderen einen Vers zu, und diese antwortet mit dem nächsten. Man reicht sich den Text weiter, hält sich gegenseitig "in Stimmung". Wenn dies gelingt, kann eine Atmosphäre entstehen, die von tiefer Ruhe geprägt ist; jene Ruhe, die notwendig ist, damit die schweigende Gegenwart Gottes in jedem Beter und in der betenden Gemeinschaft Raum greifen kann. So ist das in eine geregelte Form gebrachte Singen kein ästhetisches Ereignis, sondern vielmehr eine Hilfe für das Beten. Die Form zwingt dazu, auf sich und auf die anderen zu hören, damit es möglichst nicht zu "Missstimmungen" kommt. Es geht um ein "hörendes Singen". Wenn man es aber schafft, hörend zu singen und singend zu hören, wird auch das Herz immer offener für den im Wort gegenwärtigen Gott und für den Mitmenschen, den ich höre. Auch dann singt man "ex corde". Für einen Mönch, der versucht nach der Regel Benedikts zu leben, gibt es wohl nichts Wichtigeres als das Hören, den tatsächlichen Willen zum Hinhören - eine Fähigkeit und Bereitschaft, die uns immer mehr verloren geht. Nicht zufällig beginnt Benedikt seine Regel mit dem Anruf "Höre, mein Sohn, auf die Worte des Meisters, neige das Ohr deines Herzens!" Hinhören heißt: mit dem Herzen hinhören, "ex corde" hören …

"Alles beginnt mit der Sehnsucht.", schreibt Nelly Sachs. Das gilt auch für das Gebet: Ein Mensch beginnt zu beten, weil die Sehnsucht in ihm aufgebrochen ist. Die äußere Form des Betens ist Ausdruck dieser inneren Sehnsucht. Die Voraussetzung allen Betens ist, dass Gott schon im Menschen anwesend ist. Nur so kann der Mensch, der sich nach Gott sehnt, beten. Der Sinn des Mönchtums zielt auf den steten Umgang mit diesem inneren Seelengrund. Die klösterliche Gemeinschaft führt die Rede von der eigenen Sehnsucht wie von Gottes Anwesenheit gerade im Chorgebet ständig im Munde, "käut sie wieder" - "ruminiert" sie. Im ständig "wiederkäuenden" Beten der Psalmen schafft sich die Sehnsucht einen Ausdruck, im singenden eten wird diese Sehnsucht zum Klang, der den ganzen Körper durchdringt und durch den Geist und Stimme zu einer lebendigen Einheit zusammenwachsen können.

Die Tatsache, dass sich ein jahrhundertealter Ordensgeist wie der zisterziensische bis heute durchgehalten hat, drückt sich gerade auch im Choralgesang aus. Der Choral hat einen Eigenwert, eine Klangaussage, die für sich spricht. Insofern erklingt er noch heute in ursprünglicher Weise, einstimmig und unbegleitet. Wie er aber durch die verschiedenen Zeiten tradiert worden ist, so kann er auch in die Stile dieser unterschiedlichen Zeiten transportiert werden. Ein Choralthema kehrt immer wieder, es inspiriert und verbindet sich in der Choralimprovisation mit dem jeweiligen Zeitgeist - sei es in Form einer barocken Suite oder Fantasie, sei es im Gewand einer französischen Symphonie. Und unsere jetzige Gegenwart ist ebenfalls vertreten, wenn zeitgenössische Komponisten wie Olivier Messiaen, Charles Tournemire oder Jean Langlais dem Geist dieses "cantus" auch heute nachspüren. Bei vielen ihrer Werke handelt es sich um Aneignungen einer zeitlosen Wirklichkeit.


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