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Rückschau

vom Forum e.V.

Reise auf Spuren der Zisterzienser "Wo das Gute liegt so nah..."


In diesem Jahr waren die Wege auf den Spuren der Zisterzienser kurz, die Ziele aber teilweise richtig spektakulär.

Gruppe mit Bürgermeister Lehnert (3. v.l.) vor dem Marienstatter Hof (Foto: Oliver Teufer) Gruppe mit Bürgermeister Lehnert (3. v.l.) vor dem Marienstatter Hof (Foto: Oliver Teufer) Mit 44 Mitgliedern und Freunden des Forums, darunter dankenswerter Weise Abt Andreas Range O.Cist, waren wir am 1. September auf den Spuren der Zisterzienser unterwegs in Westerwald und Taunus. Gerade die Stationen mit Bezug zur Abtei Marienstatt waren weitgehend unbekannt.
Erstes Ziel war die Alte St. Nikolaus-Kirche und der Marienstatter Hof in Elbtal-Dorchheim. Dort besaß die Abtei Marienstatt von 1272 bis zur Säkularisation der Abtei 1802/03 einen Klosterhof. Der junge Historiker Oliver Teufer aus Elbtal stellte uns die Entwicklung des Hofes dar, der im Laufe der Jahrhunderte trotz etlicher politischer Streitigkeiten, der Pest, der Bedrängnisse durch die Reformation und des 30jährigen Krieges an Größe und Ertrag wuchs. Die Mönche von Marienstatt standen dabei gerade in den ersten Jahrhunderten in engem und in der Regel auch freundschaftlichem Kontakt mit den lokalen und regionalen Adelsfamilien, aber auch mit den Erzbischöfen aus Köln, Trier und Mainz.
 Der Hof wurde zunächst durch Laienbrüder und zunehmend durch Hörige, also leibeigene Bauern, betrieben. Im Laufe der Zeit beschränkte man sich nicht nur auf die Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte, sondern versuchte auch, diese zu ‚veredeln‘, indem Wolle zu Stoffen, Getreide zu Mehl oder sogar zu Bier verarbeitet wurden. Das Verhältnis zwischen der Abtei und ihren Untergebenen bzw. von ihr Abhängigen beschreibt Teufer als gut und vertrauensvoll. Er nennt als Belege, den Wunsch der Bevölkerung durch einen Marienstatter Mönche und nicht durch den Gemeindepfarrer betreut zu werden. Dafür spricht auch die Tatsache, dass während der vielfältigen Streitigkeiten mit den Grafen von Sayn im 16. Jahrhundert die Mönche knapp 20 Jahren von Marienstatt nach Dorchheim ins Exil gingen und während des 30jährigen Krieges nach Dorchheim flohen.
Die Bedeutung des Hofes zeigte sich auch an den Gebäuden, die noch heute an die Marienstatter Zeit erinnern, nämlich die Alte St. Nikolaus-Kirche und den Marienstatter Hof.
 Die Alte St. Nikolaus-Kirche, heute insbesondere als Friedhofskirche, aber auch für reguläre Gottesdienste genutzt, wurde in den letzten Jahren aufwändig restauriert und ist ein wahres Kleinod. Vor der als zweischiffige romanische Basilika mit bereits gotisch anmutenden Proportionen erbaut ist heute nur noch ein Schiff erhalten. Im Innern findet sich im Chor ein herrlicher Wandgemäldezyklus aus dem 15. Jahrhundert, der vermutlich von Künstlern aus Burgund geschaffen wurde. Glücklicherweise war er über Jahrhunderte übermalt und wurde erst in den 1960er Jahren wieder freigelegt. Er zeigt zentral das ‚Jüngste Gericht‘. Dabei finden sich sowohl auf der Seite der Hölle als auch auf der Seite des Himmels Personen aus von allen sozialen Ständen, darunter auch Päpste, Mönche, Adlige und natürlich auch das Volk. Zusätzlich sind Stationen auf dem Leidensweg Jesu bis zur Auferstehung dargestellt, aber auch Bildnisse von Heiligen, die Bezug zur Kirche (St. Nikolaus) oder zur Umgebung haben, wie die Heilige Barbara oder der Heilige Georg. Die Tonnendecke im Chor ist mit Sternen übersät und zeigt in Medaillons ein Abbild des Lammes als Symbol für Christus sowie die Symbole der vier Evangelisten.
Im Kirchenschiff mit einer gotischen Flachdecke befinden sich eine Empore nach Westen aus spätgotischer Zeit sowie eine Nordempore aus dem Jahr 1702, die auf zwei achteckigen Holzpfeilern mit kunstvollen Schnitzereien ruhen.
 Im Marienstatter Hof, der heute als Rathaus der Gemeinde dient, wurden wir vom Bürgermeister Joachim Lehnert begrüßt. Oliver Teufer brachte uns auch die Geschichte dieses markanten Gebäudes mit Fachwerkerker und beeindruckendem Treppenhaus, anschaulichnäher. Es handelt sich dabei um die ehemalige Kellerei, das Wirtschafs- und Verwaltungsgebäude des Hofes. Die Ursprünge gehen bis weit in das Mittelalter zurück. Im Laufe der Jahre sind immer wieder An- und Umbauten erfolgt, insbesondere zu Beginn des 18. Jahrhunderts, als die jetzige barocke zweigeschossige Form mit Walmdach entstand. Das Erdgeschoss hat massives Mauerwerk, während das Obergeschoss in Fachwerk gebaut ist.
Nach 1803 wurde der Bau als Schul-, Rat- und Backhaus genutzt, stand aber auch geraume Zeit leer.

 Danach fuhren wir nach Bad Camberg-Hünfelden zum früheren Zisterzienserinnenkloster Gnadenthal. Das Kloster wurde im 13. Jahrhundert kurz nach Marienstatt gegründet. In den folgenden Jahrzehnten bis Ende des 14. Jahrhunderts und dann wieder ab dem späten 15. Jahrhundert bestanden enge Bindungen nach Marienstatt, dessen Äbte Vateräbte sowie Beichtväter und rechtlich Bevollmächtigte waren. 1567 wurde dort die evangelische Lehre übernommen. Das Kloster verließ den Orden und wurde lutherisches Damenstift mit der Aufgabe, Adelstöchtern aus Taunus und Westerwald zu erziehen. Die engen Verbindungen zum katholischen Marienstatt blieben gleichwohl bestehen. 1589/90 ließ Äbtissin Magdalena von Irmtraut das Äbtissinenhaus auf den Grundmauern eines Vorgängerbaues errichten. Der prächtige Fachwerkbau ist heute noch erhalten. Während des 30jährigen Krieges wurde der Ort verwüstet und danach aufgegeben. Die noch vorhandenen Gebäude wurden als hoheitliches Hofgut verpachtet. Im Laufe der Zeit wurden die alten Gebäude ersetzt. Aus klösterlicher Zeit sind nur noch das ehemalige Äbtissinenhaus und die Kirche erhalten. Letztere hatte eine Vielzahl von Nutzungen u.a. als Stall. Sie ist dient heute wieder mit einer modernen Ausstattung als Gotteshaus.
 Heute leben dort Mitglieder der Jesusbruderschaft, einer ökumenisch ausgerichteten Laienkommunität von Familien und ehelos lebenden Gläubigen beiderlei Geschlechts, der überwiegend evangelische Christen angehören.
Während unseres Aufenthaltes haben wir am Mittagsgebet teilgenommen, das im sog. Brüderhaus stattfand und in dem für die Einheit der Christen gebetet wurde. Nach dem Mittagessen im Äbtissinenhaus konnten wir bei einer Führung viel zur Geschichte des Ortes und zum Leben in der Gemeinschaft erfahren.
Gebet, Gemeinschaft und Arbeit u.a. im ökologisch geführten landwirtschaftlichen Betrieb, der Bildungs- und Jugendarbeit oder in der Betreuung von Gästen prägen das Leben. Angelehnt an mönchische Traditionen gibt es täglich regelmäßige Gebets- und Gottesdienstzeiten. Die Gemeinschaft selbst entstand in den 1950er Jahren und ist seit 1969 in Gnadenthal ansässig.

Anschließend besuchten wir als drittes Ziel ist die Stiftkirche St. Lubentius in Limburg-Dietkirchen, die in den letzten Jahren zwei Mal Ausgangspunkt für die zweitägige Wallfahrt im Anschluss an Fronleichnam nach Marienstatt gewesen ist. Unser örtlicher Führer Bernhard Eufinger stellte uns ‚seine Kirche‘ in Geschichte und Gegenwart vor.
 Markant ist die Lage hoch auf einem Kalkfelsen über der Lahn, der seit Jahrtausenden für Kultzwecke genutzt wurde. Frühe christliche Funde deuten auf eine kirchliche Nutzung seit dem 6. – 8. Jahrhundert, als Dietkirchen einer der Ausgangspunkte für die Christianisierung auch des Westerwaldes wurde. Verknüpft wird dies mit der Legende des Hl. Lubentius, wonach dessen Leichnam über Mosel und Rhein die Lahn hinauf bis nach Dietkirchen per Boot gekommen sei. Tatsächlich wurden die Gebeine des im 4. Jahrhundert verstorbenen Heiligen kurz vor der Gründung des Stiftes 841 nach Dietkirchen gebracht und werden seither hier verehrt. Die erste Steinkirche entstand etwa 730, der heutige Bestand stammt aus dem 11. und 12. Jahrhundert, wobei wir die Bauabschnitte von außen anhand der unterschiedlichen Steinstrukturen verfolgen konnten. Die damalige Bedeutung des Ortes zeigt sich darin, dass von hier aus die rechtsrheinischen Teile des Erzbistums Trier verwaltet wurden.
Reliquienschrein des Hl. Lubentius Reliquienschrein des Hl. Lubentius In der Kirche haben wir zunächst in der Lubentiuskapelle am Ende des nördlichen Seitenschiffs besucht, in dem sich der Steinsarkophag mit den sterblichen Überresten des Heiligen und das mittelalterliche Büstenreliquiar befinden. Anschließen brachte uns unser Führer die übrige Innenausstattung der Kirche nahe. Durch die Südtür gelangten wir auf die Lahnseite des Felsplateaus mit dem wunderschönen Blick ins Lahntal und auf den Weinberg unter uns, der 1998 angelegt wurde. Danach statten wir der im 14. Jahrhundert erbauten Dreifaltigkeitskapelle mit der barocken Innenausstattung einen Besuch ab, ehe wir hinter dem östlichen Durchgang zur Michaelskapelle gelangten. Mutige gingen zu dem im Keller gelegenen Beinhaus, andere beschlossen den Rundgang mit einem Glas Stiftswein vom eben betrachteten Weinberg, der rot im Glas leuchtete und recht gut mundete.
Nach so viel Kultur beschlossen wir den Tag mit einem Abendessen in Limburg-Offheim.

Wo das Gute liegt so nah… Die Reisenden erhielten einen großartigen Einblick in die segensreichen Wirkungen der Abtei Marienstatt in unserer engeren Heimat. Wieder hat sich eine Reise „Auf den Spuren der Zisterzienser“ sehr gelohnt.


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