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aus der Abtei

Impuls zur Passionswoche


Verborgen, verhüllt, dem Blick entzogen…

Auch bei uns in Marienstatt sind seit dem Passionssonntag (5. Fastensonntag) das Kreuz über dem Pfarraltar und der Ursulaschrein mit einem violetten Tuch verhüllt. Diese Verhüllung ist nach altem Brauch in vielen katholischen Kirchen üblich. Wenn man im Internet in einer Suchmaschine das Stichwort „Kreuz verhüllen“ eingibt, kann man viel wissenswertes über diesen Brauch, seine Entstehung und Geschichte und unterschiedliche Ausprägung erfahren.

In einer solchen Erläuterung las ich, dass es möglich wäre, für diesen Brauch eine Verbindung zum Johannes¬evangelium und da zu Joh 12,36 zu sehen. Dort heißt es: „Jesus sagte zu der Menge: Solange ihr das Licht bei euch habt, glaubt an das Licht, damit ihr Söhne des Lichtes werdet! Dies sagte Jesus. Und er ging fort und verbarg sich vor ihnen.“ Und wenig später im Text heißt es: „Jesus aber rief aus: Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat, und wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat“ (Joh 12,44-45).

Verborgen, verhüllt, dem Blick entzogen…
Erleben und erfahren wir die meiste Zeit unseres Lebens Gott nicht genau so? Was zunächst aus Gedankenlosigkeit oder vielen anderen zumeist unbewussten und vom anscheinend so wichtigen Alltagsgetue vorgegebenen Gründen geschieht, verdichtet sich manchmal auch zur entschiedenen Annahme: Ich kann ihn nicht wahrnehmen. Also ist er nicht da. Und man gewöhnt sich daran. Es gibt genügend Möglichkeiten, sich mit anderem zu beschäftigen. Mich erinnert das an die Situation des gerade aus Ägypten herausgeführten Israel (vgl. Ex 32). Am Gottesberg, auf dem Sinai wartete das Volk auf Mose, der zur Gottesbegegnung auf den Berg gestiegen war. Gott, der sie in der Feuersäule und in der Wolke durch die Wüste begleitet hatte, war solcherart nicht sichtbar. Mose weilte auf dem Berg. Er war also auch nicht da. In dieser Situation schuf sich das Volk Ersatz: Ein goldenes Kalb. So wollte es seine Sehnsucht nach Gottes Nähe und Begleitung stillen. Das hat auch seine Bedeutung für uns heute und das nicht nur in der andauernden Krise durch das Coronavirus mit den vielen Infizierten, den ernsthaft erkrankten und mittlerweile vielen an der Lungenkrankheit verstorbenen Menschen weltweit. Die Sehnsucht nach dem, der alle Grenzen überwindet, die Sehnsucht nach Leben, Angenommensein und Geborgenheit, die Sehnsucht nach Gott kann durch nichts Menschengemachtes gestillt werden.

Verborgen, verhüllt, dem Blick entzogen…
In der Passionszeit bis zum Ende der Liturgie am Karfreitag kann das Kreuz, das Heilige verhüllt werden, so steht es in den liturgischen Vorgaben des römischen Messbuches. Will diese Verhüllung uns darauf hinweisen: Selbst das uns so wichtige Bild der Erinnerung kann vom tatsächlichen Dasein Gottes ablenken. Zu Mose sagt Gott aus dem brennenden Dornbusch: „Ich bin, der Ich bin“ (vgl. Ex 3,14). Nur wenn der Mensch dem so unbegreiflichen „Ich bin“ Raum gibt in seinem Leben, wird er den Da-Seienden erfahren. Letztlich wird auch Jesus selbst in diesen unbegreiflichen Gott hineingeführt. Am Kreuz, in der Agonie des Sterbens erfährt er die schreckliche Gottesferne. Er ruft mit den Worten des Psalmisten: „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Ps 22,2). Die Heilige und Märtyrin Edith Stein, Schwester Teresia Benedicta a Cruce OCD, die am 9. August 1942 im KZ Auschwitz-Birkenau von den Nazis ermordet wurde, schrieb einmal – leider weiß ich die genaue Quellenangabe nicht mehr – : „Wie Jesus in seiner Todesverlassenheit sich in die Hände des unsichtbaren und unbegreiflichen Gottes übergab, so wird die Seele sich hineinbegeben in das mitternächtliche Dunkel des Glaubens, das der einzige Weg zu dem unbegreiflichen Gott ist. Auch das Ziel, zu dem wir auf dem Weg des Glaubens gelangen, ist die Nacht: Gott bleibt auf Erden auch in der seligen Vereinigung für uns verhüllt… Wenn aber die Seele Gott findet, dann bricht in ihre Nacht gleichsam schon die Morgendämmerung ein.“

Halten wir in der Verhüllung am Licht des Glaubens an Gottes Nähe fest. Im Kreuzestod des Herrn zerreißt der Vorhang im Tempel und der Blick auf die Liebe Gottes wird sichtbar für alle (vgl. Mt 27,51, Mk 15,38 und Lk 23,45).

Ihnen eine gesegnete Zeit und die Erfahrung der Nähe Gottes!
Ihr P. Guido


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